Candida Royalle: Ein außergewöhnliches Leben…
Candida Royalle, mit bürgerlichem Namen Candice Marion Vadala, wurde am 15. Oktober 1950 in New York geboren. Schon bei ihrer Geburt stellte das Leben sie auf die Probe: Im Krankenhaus zurückgelassen, wurde sie von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter aufgenommen – in einem Haushalt, in dem Gefühle nicht immer willkommen waren. Doch Candice sprühte vor Sensibilität. Schon in jungen Jahren begeisterte sie sich für Kunst, Musik und Tanz. Sie besuchte die angesehensten Kunstschulen der Stadt und träumte davon, eines Tages all die Schönheit, die sie in sich fühlte, ausdrücken zu können.
In den 1970er-Jahren machte sie ihre ersten Schritte im Pornokino. Zu dieser Zeit erlebten Erwachsenenfilme einen nie dagewesenen Boom, und Candida wurde schnell zu einer der bekanntesten Darstellerinnen. Sie wirkte in rund 25 Filmen mit, darunter dem Kultfilm Hot & Saucy Pizza Girls. Doch schon bald verspürte sie ein Unbehagen. Diese Geschichten, diese gefilmten Körper, diese Blicke – nichts davon entsprach wirklich ihrer Erfahrung als Frau.
Mit dem Mut, der sie auszeichnete, beschloss sie, die Spielregeln zu ändern. 1984 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma: Femme Productions. Eine Struktur nach ihrem Bild – unabhängig, sensibel und entschieden auf eine neue Art des filmischen Lustzeigens ausgerichtet. Sie wollte Frauen eine Stimme geben in einer Welt, die sie bis dahin oft vergessen hatte. Und das gelang ihr glänzend.
Candida starb 2015 an Eierstockkrebs. Doch sie hinterließ weit mehr als eine Filmografie: eine Vision, einen Atemzug, eine sanfte Revolution.
Eine andere Vorstellung von Lust und Sexualität
Die Stärke von Candida Royalle lag in ihrer Fähigkeit, Pornografie nicht abzulehnen, sondern sie auf andere Weise zu lieben. Sie sagte nicht „Nein zur gefilmten Sexualität“, sondern „Ja zu einer respektvollen, zärtlichen, sinnlichen und aufrichtigen Sexualität“. Für sie begann alles hier: beim Respekt. Respekt vor dem Körper, Respekt vor dem Blick, Respekt vor der Verbindung zwischen den Figuren.
Candida wollte weder schockieren noch provozieren. Sie wollte berühren. Ihre Filme erzählen Geschichten, erforschen Emotionen, folgen Figuren, die man auch im echten Leben treffen könnte. Man entdeckt darin Frauen, die begehren, die aufblühen, die sich Zeit nehmen. Lust wird nicht im Eiltempo erlebt – sie wird aufgebaut, geteilt.
In Interviews wiederholte sie oft eine ganz einfache Idee: „Frauen mögen Sex auch. Aber sie mögen nicht immer die Art und Weise, wie er dargestellt wird.“ Genau diese Lücke wollte sie schließen. Und nebenbei reichte sie all jenen die Hand – Männern wie Frauen –, die der Klischees und lieblosen Drehbücher müde waren. Heute würden wir es schlicht feministischen oder ethischen Porno nennen…
Candida Royalle: Eine sensible und mutige Filmografie
Ihr allererster Film als Regisseurin, Femme (1984), gab die Richtung vor. Ja, er war sinnlich, aber auch elegant, reflektiert, menschlich. Der Slogan ihrer Firma sagte viel: Created by women for people who love. Das war kein Marketing, sondern eine Philosophie.
Es folgten Titel wie Urban Heat, Christine’s Secret, Three Daughters, Sensual Escape und Revelations. Jedes Mal erforschte sie eine andere Facette weiblicher Lust, ohne jemals den einfachen Weg zu gehen. Ihre Filme schrien nicht. Sie flüsterten – und wagten es, Pornografie für Frauen zu sein. Das machte sie umso kraftvoller.
In den 1990er- und 2000er-Jahren setzte sie ihren Weg fort, mit Filmen wie My Surrender, The Gift, The Bridal Shower, Eyes of Desire oder Under the Covers. Sie wagte es auch, Werke zu produzieren, die die Vielfalt der Körper und Geschichten hervorhoben, wie Afrodite Superstar, das sich auf die Sexualität schwarzer Frauen konzentrierte. Auch hier ging sie Risiken ein, störte manchmal – aber sie blieb immer authentisch.
Schon zuvor, in ihrer Zeit als Schauspielerin, hatte sie in eher klassischen Filmen gespielt. Darüber sprach sie ehrlich, ohne Bitterkeit, aber mit dem Gefühl, ihren wahren Platz hinter der Kamera gefunden zu haben.

Mehr als nur eine Regisseurin…
Candida Royalle beschränkte sich nicht auf das Kino. 2004 veröffentlichte sie ein Buch mit sexuellen Ratschlägen für Frauen mit dem köstlichen Titel: How to Tell a Naked Man What to Do. Auch hier war ihr Ton direkt, humorvoll, vertraulich. Sie sprach wie eine große Schwester oder eine Freundin, der man gerne bei einem Glas Wein zuhört.
Außerdem entwickelte sie eine Sexspielzeug-Linie mit dem Namen Natural Contours. Weit entfernt von grellen und klischeehaften Objekten waren ihre Kreationen schön, diskret und sowohl auf Wohlbefinden als auch auf Lust ausgerichtet. Sie verkaufte sie in Apotheken, Concept Stores – Orten, die Vertrauen erwecken. Wie immer verband sie Erotik mit Eleganz.
Und 2007, ihrem Wunsch treu, alle Frauen zu repräsentieren, gründete sie Femme Chocolat, ein Label, das afroamerikanischen Darstellerinnen gewidmet war. Denn sie wusste, dass auch Pornografie – wie alles andere – ihre blinden Flecken hat.
Candida Royalle: Ein kostbares und zeitloses Erbe
Candida Royalle prägte nicht nur die Welt des Pornos. Sie beeinflusste tiefgreifend die Art und Weise, wie man Sexualität im Kino denken kann. 2024 erwarb die Harvard-Universität ihr gesamtes Archiv: Notizbücher, Briefe, Fotos, Filmideen – all das, was zeigt, wie vielseitig sie als Künstlerin war.
Im selben Jahr widmete ihr Jane Kamensky eine spannende Biografie: Candida Royalle and the Sexual Revolution. Das Werk zeichnet ihren Werdegang, ihre Kämpfe, auch ihre Zweifel nach. Es wurde von der Kritik gefeiert, war Finalist des National Book Critics Circle Award und bestätigte Candidas Bedeutung in der amerikanischen Kulturgeschichte.
Auch Hollywood zollte ihr Tribut. Die HBO-Serie The Deuce ließ sich direkt von ihrer Geschichte inspirieren – durch die Figur der Candy, gespielt von Maggie Gyllenhaal. Eine schöne Hommage an eine Frau, die nie aufgehört hatte, daran zu glauben, dass man über Sex auch anders sprechen kann.
Heute wird sie von den größten Institutionen des Erwachsenenkinos geehrt. Sie ist Mitglied der AVN Hall of Fame und der XRCO Hall of Fame. Doch ihr schönstes Vermächtnis ist vielleicht jede Frau oder jedes Paar, das einen ihrer Filme entdeckt und denkt: „Ach, genau das habe ich mir gewünscht…!“








